Die Zukunft der Innenstädte – Ein Interview mit Tina Jokisch, Schwitzke
Tina Jokisch

08.04.2022 | Entseelte, uniforme, ums Überleben kämpfende Innenstädte waren bereits vor Ausbruch der Pandemie ein viel besprochenes Problem, das vergebens nach der einen Ursache und der damit einhergehenden Lösung suchte. Doch Tina Jokisch, Geschäftsführerin des Düsseldorfer Design- und Architekturbüros Schwitzke, weiß, dass nicht nur Einzelhändler:innen mit spannenden Konzepten überzeugen müssen.

Im ersten Pandemiejahr wurden viele Projekte zunächst pausiert, doch seit gut einem Jahr hat Schwitzke wieder viele spannende Retailer-Aufträge umsetzen können. Eins davon ist der Amsterdamer Store von Live Fast Die Young. Ein besonderes Projekt für euch und die Marke.
Ja, denn dieser Store ist der erste Internationale für Live Fast Die Young. Die Düsseldorfer Brand ist im Off- und Online-Geschäft erfolgreich. Alle LFDY-Stores sind Treffpunkt für die Fangemeinde. Und ihre gezielt limitierten Drops schaffen eine extreme Begehrlichkeit, die Fans regelrecht Schlange stehen lassen. Der Laden muss dieses besondere Flair ebenfalls bieten können. Daher haben wir ihr Showroom-Konzept aufgegriffen, indem sie jedes Teil nur einmal im Laden hängen haben. Dadurch ist die Warenpräsentation sehr hochwertig.

Nun bietet die Stadt Amsterdam von sich aus eine hervorragende Basiskulisse. Was zeichnet diese Location besonders aus?
Der neue Flagship-Store liegt im Herzen Amsterdams, mitten in der Nine Streets Area, einem Viertel bekannt für seine Designer-Boutiquen und Vintage-Stores. Das Haus hat eine schöne, schwarze Altbaufassade. Der Store ist im Grunde genommen sehr monochrom gehalten. Der ganze vordere Raum ist in Edelstahl gekleidet, während der hintere Teil mit den Umkleiden und der Lounge komplett schwarz gefliest ist – ein Zitat an die historischen Böden und schafft damit eine Verbindung zur Fassade. So schafft man zwischen vorne und hinten einen atmosphärischen Wechsel.

Die Konzepte von Schwitzke tragen zum Wandel innerhalb des stationären Handels bei. Wo siehst du deiner Meinung nach Fortschritte und in welchen Bereichen fehlt er dir?
Die Retailer, die die Möglichkeiten und Mittel haben, machen meiner Meinung nach bereits einen sehr guten Job. Sie integrieren beispielsweise eine Form von Gastronomie in ihren Läden, wodurch eine neue Aufenthaltsqualität geschaffen wird. Wichtig ist die eigene Persönlichkeit, die jeder Laden haben muss, um so zum Treffpunkt zu werden. Das gilt auch für ganze Stadtviertel. Allerdings finde ich es schwierig, wenn man aus einem Store herauskommt und ganze Straßenzüge diese Qualität nicht halten können. Wir müssen also auch darauf achten, dass der Bereich vor den Läde ausreichende Qualität bietet, beispielsweise durch eine schöne Begrünung, autofreie Zonen oder Straßencafés. Nehmen wir beispielsweise die Gastronomien, die zur Pandemie eine Außenbestuhlung hatten: Das hat ein richtig gutes Flair gebracht. Und genau so etwas müsste viel mehrin den Innenstädten passieren. Hinzu kommen hohe Mieten, die einem Innenstädte-Fortschritt entgegenwirken. Es sind demnach nicht die Einzelhändler:innen, die das Problem nicht richtig angehen, sondern die Städte.

Gibt es eine Stadt, die es bereits besser macht?
Paris! Sie wird in eine 15-Minuten-Stadt umgestaltet, in der man alles innerhalb von 15 Minuten erreicht: Nahversorgung, Kultur, Arbeit und schulische Einrichtungen; und das am besten mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Ganze Straßen sind verkehrsberuhigt. Und das funktioniert tatsächlich sehr gut. Dann gibt es in Paris eine halb öffentliche, halb private Organisation namens Semaest, die sich gerade in prekären Vierteln einsetzt, indem sie besondere Ladenlokale kaufen oder anmieten, renovieren und dann für einen günstigen Mietpreis an Einzelhändler:innen vermieten – vom Floristen bis zu anderen Handwerkerberufen. Dadurch bleibt auch dieses bestimmte Flair der Arrondissements bestehen. So etwas würde ich mir auch in unseren Städten wünschen.

Apropos: Hast du ein Wunschprojekt?
Ich würde sehr gerne einen Platz gestalten. Natürlich beschäftigen wir uns viel mit Innenarchitektur und mit Retail, aber wie ich vorhin bereits sagte, fängt es schon vor dem Laden an. Wenn aber die Straße vor dem Laden nicht attraktiv ist, ziehe ich den einen oder anderen Kunden erst gar nicht an. Meiner Meinung nach muss viel mehr Raum für Improvisation geschaffen werden, wodurch die Menschen auch die Möglichkeit haben, sich zu entfalten.

schwitzke.com
livefastdieyoung.com

 

08.04.2022