Interview: Der Modealltag in China normalisiert sich
Interview: Der Modealltag in China normalisiert sich

12.11.2020 | In China hat der Modealltag wieder begonnen und die Geschäfte laufen fast wieder normal. Die erste Modemesse Chic im September lief erfolgreich und die nächste Chic in Shanghai vom 10. bis 12. März ist in Vorbereitung. Die Krise hat alle Mode-Akteure vor neue, unerwartete Herausforderungen gestellt, aber gleichzeitig auch enormes Innovationspotential freigesetzt. Textilmitteilungen hat bei Jane Du, General Manager, China World International Exhibition Co., Ltd., nachgefragt.  

Welche positiven Erfahrungen ziehen Sie aus der Corona-Krise?

Unsere Modeindustrie setzt bereits seit längerer Zeit auf digitale Erweiterungsmöglichkeiten, diese Entwicklung wurde durch die Krise noch verstärkt und beschleunigt, so sind zum Beispiel die neuen digitalen Entwicklungsmöglichkeiten durch die kommende 5G Technologie ein brandheißes Thema in der Modebranche. Ein wichtiges Feld ist auch Social Media. Als die Geschäfte schließen mussten, haben einige Unternehmen ihre Mitarbeiter im Livestreaming geschult, um so den Kontakt zu den Kunden aufrecht zu erhalten und Kaufanreize zu schaffen, so zum Beispiel der traditionelle Juwelier Ideal oder auch Cosmo Lady, das größte Unterwäsche- und Dessousunternehmen in China. Auch die Kosmetikmarke Lin Qingxuan musste Ende 2019 rund 40 Prozent seiner Geschäfte schließen und verlor 90 Prozent seines stationären Umsatzes. Mit Hilfe der E-Commerce-Lösungen von Alibaba und DingTalk erzielte der Umsatz von Lin Qingxuan in Wuhan aber sogar ein Wachstum von 200 Prozent gegenüber dem Vorjahresumsatz.

Wer sind die Gewinner und wie haben sie die digitale Infrastruktur umgesetzt?

Generell hat natürlich der Onlinehandel profitiert. Die Pandemie hat das Wachstum des Online-Shoppings beschleunigt und den Anteil des gesamten Einzelhandelsumsatzes von etwa einem Fünftel im letzten Jahr auf ein Viertel in diesem Sommer erhöht. Das Bruttowarenvolumen von physischen Produkten, die über WeChat Miniprogramme gekauft wurden, hat sich im Zeitraum Januar bis August gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Peace Bird verzeichnete einen Umsatzanstieg von 26 Prozent in der zweiten Saison, davon 35 Prozent beim Online-Umsatz und 12 Prozent beim Offline-Umsatz. Der Großteil der kürzlich ausgegebenen Anleihen in Höhe von 0,8 Milliarden RMB soll in die technologische und digitale Transformation des Unternehmens investiert werden.

Innovative Ideen konnten dank digitaler Infrastruktur schnell und flexibel umgesetzt werden. So hat die Alibaba-eigene Supermarktkette Freshippo das Konzept des ‚Employer Sharing‘ entwickelt. Der Einzelhändler war aufgrund der COVID-19-Krise unterbesetzt während gleichzeitig Restaurants geschlossen wurden und Mitarbeiter entlassen werden mussten. Freshippo arbeitete daraufhin mit den Restaurants zusammenzuarbeiten, um arbeitswillige und arbeitsfähige Mitarbeiter zu ‚teilen‘ und ein Win-Win-Szenario zu schaffen. Online to Offline Player wie Ele, Meituan, Alibabas Hema und JDs 7Fresh schlossen sich an.

Wie wurden die logistischen Probleme gelöst?

Auch im Logistikbereich hat die Pandemie sich als entscheidender Innovationstreiber gezeigt. Bereits im Januar forderte die Regierung die Technologiegiganten auf, Lösungen zu finden, um die Sicherheit der Menschen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gesundheit zu gewährleisten. Eine der Antworten war der Einsatz autonomer Fahrzeuge für die Zustellung auf der letzten Meile. Diese Lösungen werden in China schon seit mehreren Jahren getestet, waren jedoch bisher von den lokalen Regierungen nicht autorisiert worden. JD.com setzte Mitte Januar halbautonome Roboter ein, um die Lieferung medizinischer Geräte an Krankenhäuser und Personen in Quarantäne sicherzustellen. In Wuhan konnte JD.com 70 Prozent seiner Bestellungen per Roboter abwickeln und erklärte zwischen Januar und März 2020 eine Umsatzsteigerung von 10 Prozent.

Wie ist Ihre Prognose für 2021?

Die Situation in China normalisiert sich bereits, die Wirtschaft zeigt positive Entwicklungen, die Wirtschaft wächst im dritten Quartal um 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Einzelhandelsumsätze verzeichnen einen Anstieg von 0,9 Prozent. Die Boston Consulting Group bezeichnet China als einen der robustesten Märkte weltweit. Aufgrund der positiven Entwicklung des Pandemiegeschehens in China gehen wir auch davon aus, dass die Reiseeinschränkungen gelockert werden und international Teilnehmer wieder leichter nach China einreisen können. Auf Verbraucherseite werden die Trends ‚Premiumization‘ und Nachhaltigkeit noch stärker in den Fokus rücken. Der Inlandsverbrauch und die Nachfrage nach höherer Qualität werden Hauptwachstumstreiber sein. Die Marktrelevanz junger Verbraucher wie Gen Z nimmt insbesondere im Hinblick auf die Kaufbereitschaft zu. Aktuell mache sie bereits 25 Prozent der Bevölkerung aus. Gen Z und Millenials sind bereit, in Produkte zu investieren, die ihre Individualität und ihre Lebenswerte betonen. Gesundheit und Nachhaltigkeit sind ihnen besonders wichtig.

Bild oben: Chic Shanghai

Bild unten: Jane Du

enmar.chicfair.com/

 

 

 

12.11.2020