Interview mit Max Gilgenmann, Fashion Revolution Germany
Interview mit Max Gilgenmann, Fashion Revolution Germany

20.04.2021 | Die Fashion Revolution Week ist mittlerweile ein fester Termin auf der Agenda der Green Community. Zur Erinnerung: Fashion Revolution wurde 2013 nach dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes von Carry Somers und Orsola de Castro gegründet. Mittlerweile ist Fashion Revolution eine weltweit umspannende Bewegung. In Deutschland ging es Anfang 2014 richtig los, mit einer kleinen Gruppe bestehend aus Akteur:innen, der schon damals gut vernetzten Berliner Szene. Mit dabei  Upcyling-Expertin Carina Bischof, Magdalena Schaffrin und Max Gilgenmann. Wir haben mit Max, Vorsitzender Future Forward e.V.,  und Mitgründer von Studio MM04, über die Fashion Revolution Week 2021 gesprochen.

#InsideOut ist the style of the season

Wer sich für Nachhaltigkeit in der Mode- und Textilindustrie interessiert, kennt die Kampagne ‚Who made my clothes?‘. Kannst du uns ein paar Meilensteine in der Entwicklung von Fashion Revolution nennen? Vielleicht auch ein paar positive Überraschungsmomente?
Na klar, im Endeffekt kam die Idee für die Fashion Revolution Kampagne bei uns - dazu gleich noch mehr-  sofort gut an, weil Carina Bischof Jahre zuvor für Orsola de Castro in London gearbeitet hatte. Persönliche Beziehungen machen doch immer wieder einen entscheidenden Unterschied, wenn es darum geht das Potenzial einer Zusammenarbeit abzuschätzen.
Wir haben uns dann in 2014 recht spontan entschieden die Kampagne in Deutschland aufzubauen und uns direkt in ein erstes Projekt gestützt, das wohl bis heute allen Beteiligten ein Lächeln auf die Lippen zaubert: Das Bang-La-Fresh Musikvideo,  das eine Art Intro zur Kampagne war.
Den ersten krassen Kampagnenerfolg verbuchten wir dann, dank einer Kooperation mit der Agentur BBDO, mit dem ‚T-Shirt-Only-2-Euro‘-Experiment‘ dessen Video viral ging und einige Millionen Klicks erreicht und nach wie vor fleißig geteilt wird.

Seit 2013 hat sich ja durchaus die Wahrnehmung hinsichtlich Mode verändert. Immer mehr Konsument:innen achten auf Transparenz, Wertschöpfungskette und Materialien. Das Siegel Grüner Knopf ist aus dem Textilbündnis entstanden und im Grunde eine Reaktion auf das Rana Plaza-Unglück, ein Lieferkettengesetz ist ebenfalls vom BMZ auf den Weg gebracht worden – das gilt natürlich nur für Deutschland.  Wie steht ihr zu diesen Entwicklungen? Und ist euer Eindruck, dass sich etwas grundlegend verändert hat?
Wir sehen die Entwicklungen als grundsätzlich sehr positiv und freuen uns vor allem über den Wandel in der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Probleme, die mit intransparentem Welthandel in Kombination mit der systemisch linearen Profitorientierung des Großteils der Unternehmen einhergeht. Die Anzeichen sind mittlerweile gut, aber grundlegend geändert hat sich noch nichts. Diese Dekade wird zeigen ob der anscheinend gesellschaftlich gewünschte Wandel auch wirklich dazu führt, dass die Marken und ihre Händler:innen zukünftig befriedigende Antworten auf die Fragen ‚Who Made My Clothes‘  und ‚Who Made My Fabric‘ haben werden.

Wo du es gerade erwähnst, ihr habt gerade erst die Kampagne ‚Who Made My Fabric?‘ gelauncht. Was hat euch dazu veranlasst?
Wir wollen explizit noch tiefer in die Wertschöpfungsketten schauen. Ein Großteil der Umweltschäden entsteht schon lange bevor die Fabrics, also Stoffe, dann zu Clothes, sprich: Kleidung, zusammengenäht werden.

Die Covid-19 Pandemie hat sehr deutlich herausgestrichen, was – nicht nur in der Modeindustrie – falsch läuft. Tausende Textilarbeiter:innen konnten nicht arbeiten und somit wurde ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Große Unternehmen haben ihre Aufträge storniert und/oder auch nicht bezahlt. Der Einzelhandel liegt noch in weiten Strecken brach. Große Transportwege haben sich – zumindest zeitweise – als nicht praktikabel erwiesen. Inwieweit spielt die Coronakrise für eure Arbeit, eure Anliegen eine Rolle?
Die Auswirkungen von Covid-19 auf die Modebranche sind enorm, da sich natürlich das Konsumverhalten der Menschen gewaltig verändert hat. Teils zwangsweise wegen geschlossener Läden, teils indirekter wegen fehlender Anlässe  bestimmte Kleidung zu tragen.
Insgesamt hat die Pandemie leider vor allem die systemischen Probleme des Welthandels mit Mode und Textilien nochmals betont. Diese sind deutlich zu vielfältig, um sie hier alle zu nennen. Aber für unsere Arbeit mit der Fashion-Revolution-Kampagne sind natürlich die Blickwinkel der sogenannten Konsument:innen am wichtigsten und da spüren wir eher ein gestiegenes Interesse an der Transparenz, die wir seit Jahren fordern.
Ansonsten sehen wir uns natürlich auch gezwungen, von unter anderen tanzbaren Demonstrationen auf den Straßen Berlins auf Online-Aktionen umzusteigen.  Guckt euch auf jeden Fall mal unsere Fenster-Kampagne an :)

Die Mode- und Textilindustrie ernstzunehmend nachhaltig und fair zu gestalten, scheint eine fast unlösbare Aufgabe zu sein. Wie geht ihr vor, um euch auf Themen zu fokussieren? Und was sind aus eurer Sicht realistische Ziele, die erreicht werden können?
Wir bleiben bis auf weiteres bei der absolut grundlegenden Forderung, dass Händler:innen und Verkäufer:innen von Mode- und Textilprodukten die Nachhaltigkeitsbilanz ihrer Produkte kennen müssen und fordern daher stellvertretend für mehr Transparenz, dass zu jedem Produkt die Fragen 'Who Made My Clothes?' und 'Who Made My Fabric?' von all unseren Lieblingsmarken und ihren Mitarbeiter:innen beantwortet werden können.

fashionrevolution.org

20.04.2021