Purecotz – Status der Textilnäherei in Indien
Purecotz – Status der Textilnäherei in Indien

07.04.2020 | Die Covid-19 Pandemie betrifft nicht nur Brands, Handel und Agenturen in Europa. Auch die Textilfabriken in Indien stehen still, seitdem dort am 24. März der Lockdown beschlossen wurde. Das indische Unternehmen Purecotz ist Anfang des Jahres als erste Näherei nach dem Fairtrade Textile Standard zertifiziert worden. Das bedeutet für die rund tausend Angestellten existenzsichernde Löhne innerhalb der nächsten sechs Jahre zu erhalten. Wir haben mit Jan Eggers (Foto), Sustainability Manager und Fairtrade-Beauftragter, über mögliche Auswirkungen der Krise gesprochen.

Was bedeutet die durch Corona entstandene Krise für Purecotz als Textilproduzenten in Indien - insbesondere als zertifiziertes Unternehmen?
Purecotz - und die ganze Welt - steht vor ungewissen Wochen. Diese Krise betrifft die gesamte Textilindustrie. In Bezug auf Zertifizierungen und Nachhaltigkeit spielt die Corona-Krise für uns eine besondere Rolle, weil es sich in der nachhaltigen Textilindustrie bei den Marken oft um kleinere Unternehmen handelt als bei den konventionellen Marken. Und das trifft auf fast alle unsere Kunden zu.   Die Brands sind noch stärker von laufenden Verkäufen abhängig, die wiederum auf Grund der Schließungen im Einzelhandel erheblich zurückgegangen sind. Daher warten wir darauf, dass unser Kundenstamm sich ein klareres Bild von der Situation machen kann. Wir hoffen natürlich, dass die Auswirkungen auf uns minimal sein werden. Sprich, dass Bestellungen und Lieferungen zwar verschoben, aber nicht storniert werden. Einer unserer wichtigsten deutschen Kunden ist Melawear. Die Brand hat uns einen sehr positiven Ausblick auf auf ihre bevorstehenden AW20-Bestellungen gegeben und auch SS21-Entwicklungen angestoßen. Das macht uns Mut und  motiviert uns in diesen schwierigen, unsicheren Tagen.

Seit 24. März gilt in Indien eine vollständige Ausgangsperre. Und was bedeutet es für Purecotz? Ich nehme an, so etwas wie Kurzarbeit gibt es bei euch nicht. Müssen also beispielsweise Angestellte entlassen werden?
Unsere Produktion ist seit dem 23. März geschlossen und wird bis Mitte April geschlossen bleiben - vorausgesetzt der landesweite Lockdown wird nicht verlängert.
Wir können im Moment keine Bestellungen versenden. Wir können auch nicht produzieren. Hunderte unserer Mitarbeitet können also zur Zeit nicht arbeiten. Wir warten auf ausstehende Rechnungen, um das Geschäft langfristig aufrecht erhalten zu können.
Wir können die Zukunft nicht vorhersehen, hoffen aber, dass wir nach dem Lockdown wieder zur Normalität zurückkehren. Wir werden die Geschäfte sicher wieder aufnehmen. Es mag sich ändern, aber wir hoffen auf das Beste. Kurzarbeit gibt es in Indien nicht. Aber wir möchten weder jetzt noch in naher Zukunft, nachdem sich die Situation beruhigt hat, Mitarbeiter entlassen.

Das Jahr hat für euch gut angefangen. Denn ihr seid die erste mit dem Fairtrade Textilstandard zertifizierte Näherei. Könnt ihr die Voraussetzungen dafür im Augenblick überhaupt umzusetzen? Und wie äußert sich Fairtrade dazu?
Die aktuelle Situation hat keinen direkten Einfluss auf die Zertifizierung. Wir stehen in Kontakt mit der Zertifizierungsstelle von Fairtrade und unser bevorstehendes Audit wird zunächst verschoben. Aber wir beabsichtigen, uns an den Plan in Bezug auf unser Engagement zur Zahlung existenzsichernder Löhne zu halten. Wir werden aber erst dann Schlussfolgerungen daraus ziehen können, nachdem wir die endgültigen Auswirkungen der Krise vorliegen haben.  
Wir sind aber bestrebt zu tun, was immer nötig ist, um die Auswirkungen auf die Anforderungen, die wir für das  Fairtrade-Zertifikat  erfüllen müssen, so gering wie möglich zu halten.  Wir sind sicher, dass Fairtrade für uns wie auch für andere Unternehmen bereits Pläne hat.

Gibt es einen Appell, den du loswerden möchtest?
Wir sollten die Krise als Chance nutzen und vor allem in Hinblick auf den Umgang mit und den Konsum von Textilien überdenken. Ich wünsche mir, dass der Druck seitens der Konsumenten auf die Brands spürbar zunimmt. Die Brands müssen ihrer Verantwortung als Unternehmen gerecht werden. Marken müssen endlich Mode verantwortungsvoll herstellen und das heißt auch, Produzenten aktiv zu unterstützen, damit diese ihren Beitrag leisten.
Mein Appell: Stoppt die Überproduktion, überdenkt die immer noch vorherrschende Saisonorientierung hin zu Basiskollektionen, die sukzessive mit modischen Trend-Pieces erweitert werden. Nach Covid-19 sollten Lieferketten und Produktionsstandorte überdacht werden. Ein Wandel der Textilindustrie hätte schon längst stattfinden müssen. Jetzt ist die Zeit gekommen, um Veränderungen voranzutreiben. Unabhängig vom geforderten Wandel, wünsche ich mir, dass Marken nicht einfach nur Bestellungen im großen Stil streichen und somit deinen Dominoeffekt herbeiführen. Millionen von Menschen stehen (weltweit) ohne Arbeit da und haben aktuell keine Perspektive. Anpassungen sind gefragt. Die Menschen - und zwar alle – entlang der gesamten Wertschöpfungskette müssen in den Fokus treten.

purecotz.com

07.04.2020