Attraktive Innenstädte – Was macht sie aus?
Attraktive Innenstädte

05.08.2022 | Laut einer Untersuchung des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln ist die größte Konkurrenz der Innenstädte gar nicht, wie vielerorts vermutet, der gefürchtete Online-Handel. Stattdessen sind es eher andere Städte, die in der Nähe liegen und aus diversen Gründen attraktiver auf die Kund:innen wirken. Ambiente und Flair bewerten die Kund:innen besonders hoch, direkt danach kommt schon der Einzelhandel. Was beliebte Städte anders machen als diejenigen, denen die Verödung droht, verrät Experte und Gründer der App ‚Stadtbekannt’ Heinrich Lappe im folgenden, exklusiven Gastbeitrag.

Attraktivität ein wichtiger Faktor

Damit eine Stadt attraktiv ist und Menschen anzieht, müssen bestimmte Grundvoraussetzungen gegeben sein. Eine bestehende Infrastruktur mit einer guten Auswahl von Geschäften ist ein wichtiger Teil davon, aber beileibe nicht alles. Denn wichtiger sind, zumindest auf den ersten Blick, die Optik sowie die baulichen Gegebenheiten. Altbauten finden die Besucher:innen und Bewohner:innen fast immer sympathischer und anziehender. Daher sind all diejenigen Städte, welche im Krieg sehr stark zerstört wurden und in der Nachkriegszeit schnell aufgebaut werden mussten, ganz klar im Nachteil. Die Bausubstanz wirkt oft lieblos und wenig attraktiv. In anderen Städten sind die Strukturen gleichsam organisch gewachsen und es gibt vielerorts noch eine gesunde Altbausubstanz, die für einen höheren Wohlfühlfaktor sorgt.
Dagegen kann man, so scheint es, zunächst einmal wenig unternehmen. Daher gilt es, den Hebel bei den Einkaufsmöglichkeiten und den Ladenbetreibern anzusetzen. Wichtig dabei sind vielfältige Angebote, die vor allem von individuellen, kleinen und inhabergeführten Geschäfte kommen. Doch leider sind diese immer seltener zu finden. Stattdessen dominiert ein Einheitsbrei von Filial-Ketten die hiesigen Fußgängerzonen. Dort gibt es zwar günstige und billige Produkte, aber der Attraktivität der Innenstädte erweisen diese Geschäfte einen Bärendienst.

Wie kann der Staat regulatorisch eingreifen?

Das vorrangige Ziel muss es also sein, Überlebensmöglichkeiten für die besonderen, ungewöhnlichen, interessanten, kleinen Geschäfte zu schaffen. Obwohl die eingangs erwähnte Studie ein anderes Bild skizziert, ist der Online-Handel gerade für die kleineren Geschäfte sehr wohl eine große Konkurrenz. Die Preise sind günstiger, der Umtausch sowie auch die Lieferung bequemer. Warum die Preise günstiger sind (teilweise unwürdige Arbeitsbedingungen der Logistikmitarbeiter:innen und steuerliche Vergünstigungen) hinterfragen die Kund:innen meist nicht. Genau aus diesem Grund braucht es an dieser Stelle ein regulatorisches Eingreifen des Staates. Die Innenstädte leiden unter dem zunehmenden Lieferverkehr des Onlinehandels, die Luftqualität sinkt und beim Verpacken, Zurückschicken und Wiederverpacken fallen Unmengen an Müll an, ganz zu schweigen von der häufig praktizierten Entsorgung und Zwangsvernichtung einwandfreier Retourenware. Um all dem Einhalt zu gebieten und auch den kleineren Geschäften wieder Hoffnung sowie mutigen Gründer:innen Anreize zu geben, bedarf es umfassender, vielfältiger Konzepte zu Einkaufslagen, Mietpreisen und Unterstützungen.

Ein Mittel, bei dem die Händler:innen selbst aktiv werden können, besteht darin, sich zu vernetzen und Synergieeffekte mit der Gastronomie zu suchen. Insbesondere die Shopping-Center geben hier vielerorts ein armseliges Bild ab, weil sich in Ihnen eine Fressbude an die andere reiht. Aber es geht auch anders. Bei mehr Vielfalt im kulinarischen Angebot kommen auch mehr Besucher:innen in die Stadt. Individuell und liebevoll gestaltete Schaufenster und Geschäfte bringen das freundliche Ambiente der Innenstadt zur Geltung und steigern es, was allgemein gut ankommt und zum Wiederkommen verleitet.

Die Schlussfolgerung: Sind die Interessenten erst einmal da, kann der stationäre Handel seine großen Vorteile gegenüber dem Onlinehandel ausspielen. Diese bestehen in erster Linie aus Beratung, Service und dem Einkaufserlebnis an sich. Menschen kaufen oft nicht zielgerichtet, sondern spontan aus einer bestimmten Laune heraus – und zwar da, wo sie sich wohlfühlen. Wenn sie die Ware sehen, anfassen, anprobieren, vielleicht sogar riechen können, ist das Einkaufserlebnis gleich ein ganz anderes und nicht mit dem bloßen Sehen und Klicken beim Online-Kauf vergleichbar.

Auch Kultur- und Freizeitmöglichkeiten beleben die Stadt

Als dritte Säule einer attraktiven Stadt benennt die IFH-Studie Kultur- und Freizeitmöglichkeiten. Diese tragen zweifellos auch zu einer gesteigerten Attraktivität von Innenstädten bei, da diese ja nicht ausschließlich aus Geschäften bestehen sollten. Weitere Infrastruktur, wie Parkmöglichkeiten und ÖPNV-Anbindung, ist ebenfalls von Bedeutung. Viele Innenstädte sind leider noch zu sehr auf das Auto als Fortbewegungsmittel ausgerichtet, worunter die Attraktivität leidet. Langsam setzt zwar auch hier ein Umdenken ein, nicht zuletzt im Rahmen der Energiewende, aber es hapert noch an Stringenz und einem klaren Konzept bei der Umsetzung. Services, wie der Verleih von Fahrrädern, Elektrorollern und auch Lastenrädern sind auf jeden Fall schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung, obwohl es auch bei diesen Angeboten noch immenses Verbesserungspotential gibt.

Networking verbessert die Kommunikation

Man sieht also, dass mehrere Akteure gefragt sind, wenn es darum geht, mit einem Strauß von Konzepten zu einer lebendigen Stadt beizutragen. Eines dieser Konzepte ist die ‚Stadtbekannt’, die ein Bindeglied zwischen Einzelhänder:innen und Kundschaft darstellt. Sie bietet angeschlossenen Unternehmen die Möglichkeit, die Nutzer:innen im relevanten Einzugsgebiet binnen kürzester Zeit über Neuigkeiten, Angebote, Termine, Events und andere Besonderheiten zu informieren und vernetzt so Anbieter von Produkten und Leistungen aller Art mit der potentiellen Kundschaft. Der Faktor Kommunikation darf bei allen unternommenen Anstrengungen nämlich nicht unterschätzt werden: Das tollste Angebot ist schließlich nichts wert, wenn keiner davon weiß.

Über den Experten

Heinrich Lappe sammelte in über 25 unterschiedlichen Berufen umfassende Erfahrungen und war unter anderem als Gastronom insgesamt 15 Jahre in Hamburg und auf Mallorca aktiv. Seine Vision sind attraktive Innenstädte mit einem vielfältigen Angebot. Um sie in der Realität umzusetzen müssen sich Einzelhandel und Kundschaft miteinander vernetzen, weshalb er dazu die App ‚Stadtbekannt’ gründete. Für Unternehmen bringt die App für vergleichsweise wenig Geld einen hohen Bekanntheitsgrad. Die Nutzer erhalten durch sie kostenlos ein breit gefächertes, lokales Angebot mit vielen Vorteilen direkt aufs Handy. Vereine, Kulturinstitutionen, regionale Radiosender und die Presse sind ebenfalls mit beteiligt.

stadtbekannt.app

Fotos: Unsplash

05.08.2022